Laudatio von Prof. Dr. Jur. Alfred Biolek

Laudatio von Prof. Dr. Jur. Alfred Biolek

Lieber Rudi,
du hast mal für deinen Erfolg im deutschen Fernsehen eine aufschlussreiche Erklärung gefunden – du hast gesagt: „Die Deutschen haben lieber e i n e n Holländer auf dem Bildschirm als hunderttausend Holländer auf der Autobahn.“

Diese Selbstironie ist eine Eigenschaft von dir, die ich persönlich von all deinen lobenswerten Eigenschaften ganz besonders mag. Du warst der erste Showmaster, der die Show betonte und nicht den Master und sich infolge dessen auch keineswegs scheute, Witze auf eigene Kosten zu machen.

Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang auch deine Version vom Evergreen „Tulpen in Amsterdam“, in der du im Duett mit dem kleinen Heintje auf das Phänomen eingingst, dass so viele holländische Sänger in Deutschland Karriere machen wollen: „Was der Schock nicht singen kann, singen Nulpen aus Amsterdam...“
Nichts fällt den Deutschen schwerer, als sich selbst auf den Arm zu nehmen.

Wir sind beide der gleiche Jahrgang. Von wegen, beim Fernsehen wird man nicht alt – diese Behauptung haben wir widerlegt. Wenn ich mir jetzt deinen Kopf so ansehe, fällt mir allerdings ein gravierender Unterschied zu meinem Kopf auf: Du könntest dich, wenn’s sein müsste, noch münchhausenmäßig an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Bei mir wäre das schon etwas schwieriger.

Uns verbindet ein altes Band: das laufende Band. Eine Sendung, mit der du in den Siebziger Jahren Fernsehgeschichte geschrieben hast.
Als wir uns kennen lernten, warst du schon ein großer Star. Du hattest in Montreux die Silberne Rose gewonnen und anschließend viel Erfolg mit der Rudi-Carrell-Show gehabt. Ich produzierte damals in der Bavaria eine Sendung von und mit dem holländischen Kabarettisten Seth Gaaikema. Du hattest in einem Sketch mitgespielt, und danach hast du mir von deiner neuen Idee erzählt und mich gefragt, ob ich diese Samstagabend-Show produzieren wollte.
Ich hab mich oft gefragt, wieso du gerade auf mich gekommen bist? Sicher hat dabei das Lied eine Rolle gespielt, das Ihr alle im Finale singen musstet. Es hatte den denkwürdigen Refrain:

„Was ist mit mir geschehn?
Ich kann kein Bier mehr sehn...“
Die Vorstellung, kein Bier mehr seh’n zu können, war dir so fremd, so absurd, dass sie dir offensichtlich schon wieder komisch vorkam. Du dachtest wohl: Wer den Mut hat , dir einen solchen Text zuzumuten, der kann auch mit dir arbeiten. Deine Vorliebe für Bier war in jener Zeit ziemlich ausgeprägt. Kein Wunder dachte ich, das liegt an deinem Geburtsort: du kommst schließlich aus Alk-maar.

In der Produktionswoche vor einer Sendung trinkst du keinen Schluck. Von all deinen Kollegen hat es keinen gegeben und gibt es keinen, der so diszipliniert, so fleißig und so zielstrebig an seinen Sendungen arbeitet. Du warst, wenn ich an „Das laufende Band“ denke, ein besessener Workoholic, der unglaublich hart sein konnte - zu anderen und zu sich selbst. Bis kurz vor einer Sendung hast du noch umgestellt, umgeschrieben, ja sogar umbesetzt.

Du hattest immer nur ein Ziel: die Leute zum Lachen zu bringen. Wenn die Millionen, die dann am Samstag über deine Gags lachten, gewusst hätten, wie qualvoll sie zustande gekommen waren, dann wäre ihnen das Lachen vergangen. Du hast dir deinen Erfolg extrem hart erarbeitet.

In der Aufnahmeleitung von Radio Bremen hingen noch bis vor ein paar Jahren die vergoldeten Überreste einer Schreibmaschine an der Wand - ein bezeichnendes Dokument aus diesen explosiven Sturm- und Drangjahren. Der damalige Unterhaltungschef des WDR, der verantwortlich für die „Drei Fragen aus der Tagesschau“ war, hatte dir einmal aus Versehen eine falsche Antwort aufgeschrieben. Mit dem fatalen Ergebnis, dass ein Kandidat zu Unrecht verlor. Du kamst, total erschöpft von der Sendung, in dein Büro und setztest dich an deinen Schreibtisch. Dein Team informierte dich über die schlimme Panne, du nahmst die Nachricht seltsam gefasst hin und wolltest Vorschläge, wie man den Fehler möglichst elegant wiedergutmachen könnte. Da kam der Unterhaltungschef lächelnd zur Tür herein. „Sie waren großartig, Rudi! Tolle Sendung!“ Deine Augen wurden gefährliche Schlitze. „Tut mir leid“, meinte er, „aber diesmal war es sehr schwierig, Fragen zu finden.“ „Schwierig?“ schriest du, ergriffst deine Schreibmaschine und sprangst auf: „Diese lächerlichen Fragen schreibe ich Ihnen mit meinem...“ - (den Rest deines Satzes lasse ich jetzt mal aus ) jedenfalls knalltest du ihm in höchster Erregung die Schreibmaschine vor die Füße.

Für mich war das ein Zeichen, unter welchem Druck du damals standst, allerdings hast du auch immer dich und dein Team selber unter einen Wahnsinnsdruck gesetzt.
Du hast später einmal in einer Talkshow gesagt, du wärst in jener Zeit das größte Arschloch im deutschen Fernsehen gewesen. Das sehe ich nicht so. Erstens gibt es viel größere und zweitens war dein Zorn im Studio nur ein heiliger Zorn. Du bist eben ein unglaublicher Perfektionist und kannst es einfach nicht ertragen, wenn einer in seinem Job nachlässig ist.

Einmal hattest du das gesamte Team so sehr gegen dich aufgebracht, dass fast ein Streik drohte. Du hast das gespürt, und wie ich finde, in dieser angespannten Lage erstaunlich reagiert: Du hast die ganze Mannschaft in ein schönes Restaurant am See eingeladen, es wurde gegessen und getrunken, dann hast du dich hingestellt und – du hast dich entschuldigt. Und keiner kam auf die Idee, dieses Eingeständnis als Schwäche zu interpretieren.

Beim Fernsehen von heute werden Leute ab fünfzig in den Vorruhestand geschickt oder rausgemobbt, aber du hattest damals – als Vierzigjähriger – einen englischen Berater, der auf die Frage nach seinem Alter nur immer mit einem milden Lächeln zu sagen pflegte: „I’m older than god.“ Alle im Team liebten deinen Leslie Roberts, der in seinen Glanzzeiten mit einer eigenen Tanzgruppe auf allen großen Varietebühnen der Welt gastiert hatte und alles über das Showbusiness wusste – auch über das aktuelle. Er war ein junggebliebener alter Hase. Ein Satz von ihm wurde in Bremen zum geflügelten Wort. Wir hatten einmal ein Schlussspiel, an das wir von Anfang an nicht so recht glaubten. Dennoch versuchten wir, es im Laufe der Produktionswoche durch immer neue Veränderungen zu retten. Doch bei der Generalprobe funktionierte das Spiel noch immer nicht.
Es gab eine Krisensitzung. Alle saßen da und brüteten verzweifelt, aber keiner kam auf eine Lösung. Und plötzlich sagte Leslie in die Stille hinein: „If you start with shit you’ll finish with it.“ Eine weise Erkenntnis, die nicht nur fürs Showbusiness gilt.
In deinem Buch „Die Welt ist eine Show“ hast du geschrieben: „Im Showgeschäft bekommst du von allen Seiten Ratschläge. Höre sie alle an. Aber entscheide immer selbst!“ Du hast immer selbst entschieden, aber du hast dabei jeden Rat ernst genommen.

Du warst immer deiner Zeit voraus. Du hast amerikanisches und englisches Material ausgiebig studiert, ausgewählt, übernommen und adaptiert zu einer Zeit, als bei uns außer Michael Pfleghar niemand ahnte, wie ergiebig das sein konnte. Aber du produziertest immer auch eigene Ideen und zwar am laufenden Band. Du hast Kachelmann antizipiert mit deiner großartigen Klimaanalyse „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“, du hast das „Literarische Quartett“ vorweggenommen mit der Verifizierung der These „Goethe war gut“ und du hast schon vor vielen Jahren vor einem drohenden Bevölkerungsproblem gewarnt: „Liebling, die Deutschen sterben aus/ Das kann ein deutscher Mann doch nicht mit ansehn/ Da muss ein echter Mann doch seinen Mann stehn/ Komm, zieh den Fernsehstecker raus/ Liebling, die Deutschen sterben aus... “

Du hattest als erster in deiner Sendung die damals aktuelle Wahl der Miß Germany stattfinden lassen und wurdest dafür in Emma zum „Pascha des Monats“ gewählt. Jahre später saß auf der „Wetten, dass“-Couch Alice Schwarzer neben dir, und du erinnertest sie an den Pascha. „Aber seitdem“, sagtest du, „habe ich mir nichts Frauenfeindliches mehr zu schulden kommen lassen.“ „Dann hatte die Aktion ja ihren Sinn erfüllt“, sagte Alice Schwarzer. Und du sagtest zu ihr: „Puh, ziemlich heiß hier. Finden Sie nicht auch?“ Zogst etwas aus dem Sakko und wischtest dir damit den Schweiß ab – es war ein Büstenhalter...

Deine größte Spielidee beschreibst du in deinem Buch „Gib mir mein Fahrrad wieder“: (ich zitiere) „Vier Kandidaten, vier Zuschauer, vier ganz normale Menschen hatten gegen den größten Boxer aller Zeiten geboxt, und nicht nur das: Muhammad Ali hatte eine Comedy-Show abgezogen, die kein Gagwriter hätte besser schreiben können. Das einzig Traurige an der Sache war, ich wusste, ich würde nie mehr ein besseres Spiel erfinden können.“

Es gehört bestimmt zu deinem Erfolgsgeheimnis, dass du ein Lacherproduzent bist, der selbst sehr gern lacht. So wie man es dir ansehen kann, wenn etwas nicht funktioniert, so zeigst du unverhohlene Begeisterung, wenn ein Gag ankommt.
Das beste Beispiel dafür war der legendäre Auftritt des australischen Bauchredners Rod Hull mit dem Emu. Ich hab dich noch nie so aus vollem Halse und aus vollem Herzen lachen sehen. Du kamst aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Deine unübertroffene Stärke sind die optischen Gags.
Mein absoluter Lieblings-Sketch von dir ist der Sketch, in dem du neben Heinz Erhardt stehst. Du singst Sonnenlieder, er singt Regenlieder. Und jedes Mal, wenn das Wort „Regen“ fällt, kriegt er Wasser auf den Kopf. Bis er das System begreift und den Platz wechselt: „Jetzt sing i c h einmal Sonnenlieder“! Er feixt und du fängst an zu singen:
„Als Büblein klein an der Mutterbrust“ ...Du stockst und fragst: „Wie geht’s noch weiter?“
Er singt:
„Juchheissa bei Regen und bei Wind!“
Und schon steht Heinz Erhardt wieder da wie ein begossener Pudel...
Nicht umsonst ist diese Szene ein Klassiker geworden wie „The same procedure as last year“ oder Loriots Nudel-Szene.

Geniale Einfälle hast du übrigens nicht nur fürs Fernsehen, sondern auch für den Alltag. Umwerfend fand ich, wie du reagiertest, als mal ein junger Mann mit seinem offenen Cabrio bei deinem Rittergut in Syke vorfuhr, ausstieg, um das Gelände herumschlich und sich als übler Paparazzi herausstellte. Du sahst dir das zornbebend eine Weile mit an, dann gingst du zu deinem Nachbarn – einem Bauern -, kamst mit einer vollbeladenen Schubkarre wieder und kipptest kurzerhand den ganzen Inhalt in das schicke Cabrio: es war dampfender Mist.
Für manche ist das, was du nun schon so lange so erfolgreich machst, Mist, für mich, lieber Rudi, ist es ganz große Kunst.

Als langjähriger Fan von Werder wirst du von jetzt an bestimmt auch ein Fan von Bodenwerder. Bodenwerder und Bremen verbindet die Weser, und dich verbindet mit Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen etliches –auch er hat viele Kämpfe überstanden, auch er hatte viele Jahre ein Rittergut und auch er hat die Menschen aufs beste unterhalten mit seinen unglaublichen Ideen, seiner unerschöpflichen Phantasie und seinem einzigartigen Humor.
Ich seh dich schon eines Tages wie er durch die Lüfte reiten, aber nicht auf einer Kanonenkugel, sondern auf einer Alkmaarer Käsekugel.

Du hast den Münchhausen-Preis verdient, den Till-Eulenspiegel-Preis hast du schon, aber um die Ecke, zwanzig Kilometer von hier, ist Hameln, und ich muss sagen, den Rattenfänger-Preis, den hättest du auch noch verdient...

Lieber Rudi, wir waren einmal ein Gespann – so unterschiedlich wie Bier und Wein. Und es ging manchmal hoch her. Godverdomme! Aber ich bin stolz darauf, dass ich in einer für uns beide sehr wichtigen Phase dein Weggefährte war. Ich gratuliere dir zum Münchhausen-Preis.

Hartelijk gefeliciteert
Dein Alfred






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