Preisträger 2008 - Jürgen von der Lippe

Den Münchhausen-Preis 2008 erhält Jürgen von der Lippe

„Friedrich Nietzsche sagt“, sagt Jürgen von der Lippe, „die einen werden durch großes Lob schamhaft, die anderen frech.“ Für einen kurzen Moment („Ich bin sprachlos“) schweigt der Münchhausen-Preisträger 2008 schamhaft, lässt das Zitat wirken, um sich schließlich doch für die zweite Variante zu entscheiden. Hinter dem Rücken von Karl-Gerhard Sievers lässt er Bodenwerders Bürgermeister in bester Pennäler-Manier kurzerhand per Doppel-Fingerzeig schelmisch grinsend Eselsohren wachsen, bevor er Laudator Professor Axel Beyer für die rühmenden Worte dankt: „Ich hatte ja keine Ahnung, wie gut ich wirklich bin.“

Jürgen von der Lippe

Botschaften aus parallelen Universen

Gut, besser, von der Lippe – rund 1500 Besucher, darunter zahlreiche Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, erleben im Gasthaus Mittendorf einen glänzend aufgelegten Bühnenprofi, feiern den Tausendsassa mit stehenden Ovationen, um wie selbstverständlich noch eine Zugabe zu ernten. Mehr als eine Stunde strapaziert der frisch gekürte Münchhausen-Preisträger mit sichtlichem Vergnügen das Zwerchfell des Publikums, lästert über prominente Politiker, philosophiert – natürlich – über die deutsche Sprache, streut Botschaften aus parallelen Universen in Form einer kleinen Lesung aus seinem Buch „Sie und Er“ („wussten Sie, dass ich schon sieben Bücher geschrieben habe?“) ein und präsentiert einen Auszug aus seinem aktuellen Bühnenprogramm „Das Beste aus 30 Jahren“.

Jürgen von der LippeAnfangs, verrät er, sei er skeptisch gewesen. Der Blick auf die Riege seiner Vorgänger habe ihn jedoch vom Münchhausen-Preis überzeugt – auch wenn ein Politiker (Norbert Blüm) darunter sei. Der sei aber ja bekanntlich inzwischen auch unter die Kabarettisten gegangen. Blüms Botschaft – „die Renten sind sicher“ – stehe in bester Tradition zu Münchhausen. Viele ehemalige Politiker wechselten derzeit zum Kabarett – Heidi Simonis zum Beispiel mit ihrer Show „Let’s dance“ auf RTL. Reihenweise habe die frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein dort junges Gemüse herausgekegelt, bis der Ringarzt sie gestoppt habe. Etwas mehr Freude hätte „Miss Vergnügen“ allerdings schon ausstrahlen dürfen. Wenn dieser Trend anhalte, prophezeit von der Lippe, werde bald Helmut Kohl bei „Deutschland sucht den Superstar“ auftreten.


Brandenburger Tor aus 42000 Streichhölzern

Tony Marshall, erinnert der 12. Preisträger, habe im vergangenen Jahr den US-Präsidenten George W. Bush heftig kritisiert. „Wenn der (Bush) einfach nur weitergesoffen hätte, wäre der Welt vieles ersparte geblieben“ – andererseits sei Bush der Beweis, dass in Amerika wirklich jeder Präsident werden könne. Politiker, konstatiert der studierte Germanist, dieses Amt könne man nicht lernen – und das merke man auch manchmal. Von der Lippe sinniert über Stewardessen, fragt, warum die eigentlich durchweg hübsch sein müssten – obwohl sie doch nur schlechtes Essen auf Rädern servierten und lediglich mit dem Gesäß durch die engen Gänge zwischen den Sitzen passen sollten. Angela Merkel, mutmaßt er, habe sicherlich Stewardess werden wollen, sei dann aber ins Kanzleramt ausgewichen. Guido Westerwelle sei möglicherweise aus dem gleichen Grund in die Politik gegangen. Was ihn an Joschka Fischer fasziniere? Der heirate stur jede Frau, die er kennen- lerne. Fischers Ehen hielten durchschnittlich acht Jahre – dann werde rotiert. Seine künftige, sechste Frau sei momentan sechs Jahre alt und lebe im Sudan. Stoiber, Pauli (St. Pauli), Ulla Schmidt – alle bekommen ihr Fett weg, ehe der geistreiche Wortakrobat die ominöse Gürtellinie immer tiefer sinken lässt, derb, zotig und zuweilen auf Fäkal-Niveau („wenn ein kapitaler Vierpfünder am Schließmuskel Sturm klingelt“) über Männer, Frauen, Vegetarierinnen, Metasprache und Gynäkomastie philosophiert. Das Gros der Zuschauer biegt sich vor Lachen – nicht wenige rümpfen allerdings auch etwas pikiert die Nase, zumal sie den vielseitigen Entertainer augenscheinlich bislang nur aus dem Fernsehen kannten und noch nicht auf der Bühne erlebt hatten. Dennoch: Das Publikum in Buchhagen amüsiert sich prächtig, erlebt einen rundum gelungenen Abend mit einem fantastischen Laudator, einer hervorragenden Jazz-Band, den „Riverboat Ramblers“ aus der Ukraine, einem mehr als würdigen Preisträger und einer von Heidi Schmidt überaus liebevoll gestalteten Bühnendekoration. Litfaßsäulen, Berliner Bären und ein Brandenburger Tor aus 42000 Streichhölzern (erbaut von Hans-Joachim Kluge aus Stadtoldendorf) – da muss sich der Wahl-Berliner Jürgen von der Lippe einfach wohlfühlen.


Ein alt-griechischer Gruß und ein Ständchen

Helmut Raabe, Vorstandsvorsitzender der veranstaltenden Stiftung Sparkasse Bodenwerder, begrüßt den sichtlich verblüfften Preisträger auf Alt- Griechisch „an den Ufern des Weserflusses in der Stadt genannt Insel des Bodo“, dankt Hans Beißner für die Hilfe bei der Übersetzung. Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander erinnert an den beschwerlichen Gang der Landesregierung auf dem Pilgerweg von Westerbrak nach Kirchbrak – ohne Pause. Von der Lippe, so der Minister in seinem Grußwort, wäre eine Bereicherung für die Politik, zumal er Witz und Verstand gekonnt verbinde. Zu besonderen Ehren kommt Rüdiger Butte. Der Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont hat Geburtstag, wird von der Stiftung mit einem Blumenstrauß bedacht – und vom Preisträger mit einem Ständchen. Fröhlich dirigierend lässt von der Lippe den ganzen Saal „Happy Birthday“ anstimmen.Die Preisverleihung ist heute auch im Fernsehen zu sehen. RTL zeigt Ausschnitte in der Regionalsendung um 18 Uhr.

Text: Matthias Aschmann, Dewezet Bodenwerder, 19.05.2008, Fotos: Thorsten Sienk


Professor Axel Beyer

zur Laudatio von Prof. Axel Beyer, (WDR):

„Preisträger und Preis scheinen füreinander geschaffen“

Professor Axel Beyer glänzt als genialer Laudator für Jürgen von der Lippe / Eintrag ins „Goldene Buch“ der Stadt

Der Beifall ist intensiv, lang anhaltend. Bravo-Rufe sind zu hören, fast ehrfürchtig huldigt das Auditorium dem Redner, der aus Agripina Colonia nach Buchhagen geeilt war, um im Saal des Gasthauses Mittendorf Jürgen von der Lippe als 12. Münchhausen-Preisträger zu berühmen. Keine Frage: Professor Axel Beyer, Chef der Fernsehunterhaltung beim WDR, hat Geschichte geschrieben – seine launige Laudatio wird als eine der besten in die Annalen der Münchhausen-Preisverleihung eingehen. Selbst mit etlichen Auszeichnungen wie dem Grimme-Preis gewürdigt, verstand es der Träger des „Verdienstordens in Gold des Festkomitees Kölner Karneval“ meisterhaft, das Publikum geistreich zu unterhalten, zugleich genial die Verbindung zwischen Münchhausen und dem Preisträger herzustellen.
Auszüge der Laudatio im Wortlaut: „Unser Preisträger wurde als Hans-Jürgen Dohrenkamp am 8. Juni 1948, also vor fast sechzig Jahren in Bad Salzuflen geboren. Und ebenfalls fast sechzig, nämlich Kilometer, ist dieses Bad Salzuflen von Bodenwerder entfernt. Das kann kein Zufall sein. Nehmen sie nun noch die Tatsache, dass zwischen diesen beiden Städten die Deutsche Märchenstraße liegt, dann zeigt sich hier ein erstes mal, dass Preisträger und Preis füreinander geschaffen zu sein scheinen.
Seine prägende Zeit aber verlebte der zu Berühmende in Aachen. Dort besuchte Hans-Jürgen das Kaiser-Karls-Gymnasium, weil letztlich in Aachen alles vom Kaiser Karl abstammt. Seit diesem Jahr selbst die Frau Merkel. Aber Jürgen war nicht nur Gymnasiast, das soll ja in vielen Familien vorkommen, nein, er hatte an dieser Schule auch 1964 seinen ersten öffentlichen Auftritt als Sänger auf einem Schülerball – und er war auch praktizierender Messdiener. Ja nicht nur das, die Kirche faszinierte ihn dermaßen, dass ihm Theologie durchaus ein erstrebenswertes Fach erschien. Und hier trifft er sich wieder mit Münchhausen, denn dessen Übersetzer Gottfried August Bürger war Pfarrerssohn. Bitte!
Und dass Jürgen sich für die Kirche interessierte, war ebenfalls vorherbestimmt. Schließlich war sein Vater Barkeeper und nach der Kirche geht man ja bekanntlich in die Kneipe. Gut, diese Bar war eine Striptease-Bar, aber ich will nicht ausschließen, dass es darunter auch gottesfürchtige Besucher gab, die sich nur noch einmal die Geschichte vom Sündenfall bildhaft vor Augen führen wollten.
Dennoch studierte Jürgen nicht Theologie, sondern Germanistik, Philosophie und Linguistik, zunächst in Aachen, später dann in Berlin. Gut, er schloss dieses Studium nicht ab, aber warum? Nur deshalb, weil er bis heute dieses Studium nicht aufgegeben hat. Seine Bühnenprogramme gleichen bis heute philosophischen und sprachwissenschaftlichen Vorlesungen. Kant und Hegel zählen zu seinen Autoren und manche Mitmenschen begegnen an so einem Abend Worten, von denen sie gar nicht mehr gewusst haben, dass sie zum edelsten der deutschen Sprache gehören. Gut, nicht alle – zugegeben. Aber viele davon. Und die ‚Magie der Harmonie‘ ist nicht nur ein CD-Titel, sondern sie durchzieht sein Werk bis zum bitteren Bekenntnis ‚Ich muss beim reimen immer weinen‘.

Jürgen von der LippeSo wie Münchhausens Erzählungen eben nicht einfach Lügengeschichten sind, sondern die Mythen und Sagen uralter deutscher Legenden nutzte und neu aufbereitete, so nutzt auch Jürgen von der Lippe alle ihm zur Verfügung stehenden Witzmuster, um das zu tun, was Gottfried August Bürger seinem Münchhausen als Ziel unterstellt: ‚Auf heitere Weise zu unterhalten‘. Auch darin sind sich Preisträger und Freiherr einig.“
Bereits vor der Preisverleihung in Buchhagen hatte die Stadt Bodenwerder mit Bürgermeister Karl-Gerhard Sievers und Stadtdirektor Ernst-August Wolf an der Spitze den Preisträger im Rahmen eines kleinen Empfangs im Hotel „Deutsches Haus“ gewürdigt. Dort trug sich von der Lippe in das „Goldene Buch“ der Stadt ein.

Text: Matthias Aschmann, Dewezet Bodenwerder, 19.05.2008, Foto: Thorsten Sienk



Die Münchhausen-Preisverleihung wird maßgeblich gefördert von der









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Was / Wann / Wo


Polle, Haus des Gastes, an der Burg

ab Bodenwerder

Bühne im Forum der Stadtkirche St. Nicolai

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